Kennen Sie das auch aus dem Pflegealltag? Sie betreuen dauerhaft einen Wohnbereich mit zum Teil dementen Bewohnern und haben, wie man so sagt, „alles im Griff.“ Die Dienste sind anstrengend, aber sie verlaufen ruhig und Sie können wie geplant Ihre Aufgaben erledigen. Ihre Gegenschicht jedoch äußert, dass die Bewohner immer unruhig und die Dienste der „blanke Horror“ sind. Woran liegt es, dass der Eine besser mit Menschen mit Demenz zurechtkommt, als der Andere?

Eine Erklärung bietet der „Personenzentrierte Ansatz“ nach Tom Kitwood, britischer Psychogerontologe, der unter anderem maßgeblich an der Entwicklung des „Dementia Care Mapping“ beteiligt war. Ein Teil dieses Ansatzes besteht aus den sogenannten „12 positiven Interaktionen“ zwischen dem Menschen mit Demenz und seinem Begleiter. Er beinhaltet den Grundgedanken, dass jeder Mensch mit Demenz einzigartig, in sich und in seinem Erleben, ist. Die folgenden Interaktionen könnten Ihnen die Arbeit erleichtern. Sie sind nicht schwer zu erlernen und leicht umzusetzen.

Die 12 personenzentrierte Ansätze nach Tom Kitwood

1. Erkennen und Anerkennen
Der Mensch mit Demenz wird als einzigartig anerkannt. Das gilt auch für seine Wahrnehmung und die für ihn gültige Realität. Wir hören der Person zu und sind dabei sowohl empathisch, als auch authentisch. Uns muss bewusst sein, dass unsere innere Haltung von einem Menschen mit Demenz wahrgenommen und gespürt wird.

2. Verhandeln und Aushandeln
So lange der Mensch mit Demenz seinen Willen ausdrücken kann, nehmen wir diesen an und respektieren ihn. Die Umsetzung des Willens wird mit dem Betroffenen ausgehandelt.

3. Zusammenarbeit
Wir arbeiten nicht „am“ Bewohner, sondern „mit“ dem Bewohner. Wir fördern seine Potenziale, geben Anleitung, wo nötig und zwängen ihn nicht in eine herbeigeführte Hilflosigkeit.

4. Zwecklosigkeit und Spiel
Wir Pflegekräfte wollen immer etwas von unseren Bewohnern. Waschen, Mahlzeiten anreichen, Toilettengänge durchführen etc. Dem Menschen mit Demenz tut es gut, wenn wir uns z.B. zu ihm setzen und einfach mal nichts wollen. Vielleicht reden wir, trinken gemeinsam etwas oder spielen. Auf diese Weise signalisieren wir ihm, dass wir gerne bei ihm sind. Wem tut das nicht gut?

5. Basale Stimulation/Timalation
Timalation, griechisch, bedeutet in etwa: „ich ehre dich.“ Es wird häufig da eingesetzt, wo verbale Kommunikation nicht möglich ist. Wir kommunizieren über sensorische Reize und bieten dem Erkrankten Wahrnehmungsreize. Doch auch Menschen im früheren Stadium der Demenz erfreuen sich an sensorischen Reizen. Enthalten Sie sie ihnen nicht vor.

6. Feste feiern
In einer gemütlichen Atmosphäre mit mehreren Menschen zusammen zu sein baut häufig Spannungen ab.

7. Entspannen
Der Mensch mit Demenz benötigt genauso selbstverständlich Zeit für sich selbst, wie jeder gesunde Mensch auch. Geben wir ihm diese Möglichkeit und sind nicht überängstlich, wenn sich jemand auf sein Zimmer zurückzieht. Zum Glück arbeiten so viele Betreuungskräfte wie nie zu vor in der Pflege. Bedenken wir jedoch auch, dass unsere vielen Angebote die Menschen überfordern können.

8. Validation
Wir versetzen uns in den Menschen hinein, akzeptieren seine Wirklichkeit und damit ihn selbst als Person. Wir erkennen seine Emotionen an und bieten ihnen Raum.

9. Halten
Gerade im Pflegebereich wird viel über die Fähigkeit, Nähe und Distanz halten zu können, gesprochen. Entschuldigung; Wenn ein Mensch gedrückt und gehalten werden muss, bzw. das Bedürfnis danach hat, dann drücken und halten wir ihn. Wir sind empathisch und können uns vorstellen, wie schwierig es ist, mit Menschen zusammen zu sein, die eine andere Wirklichkeit erleben, als wir.

10. Erleichtern
Etwas nicht mehr tun zu können, was einem wichtig ist, bedeutet einen gewaltigen Verlust an Lebensqualität. Wir unterstützen den Betroffenen dabei, seine Handlungen durchzuführen und vermitteln ihm, dass er selbst an Ziel gekommen ist.

11. Interaktion durch Symbole
Es ist bekannt, dass Menschen mit schwerer Demenz positiv auf immer gleich ablaufende Rituale reagieren. Ein stets wiederkehrender Tagesablauf bietet viel Sicherheit. Hier sind wir darauf angewiesen, dass alle Kollegen an einem Strang ziehen. Das setzt eine sehr gute Kommunikation im Team voraus.

12. Geben
Wir Menschen definieren uns über viele Dinge. Eines davon ist, dass ich für etwas, dass ich in Anspruch nehme, bezahle, oder mich revanchiere. Bei Menschen mit Demenz hört das nicht auf. Häufig möchten Sie uns für unsere Arbeit etwas geben und genauso häufig blicken wir in enttäuschte Augen, wenn wir ablehnen, sei es nun Geld, Schokolade oder Bonbons. Geben zu können, in diesem Fall sogar, zu dürfen, ist ein Zeichen von Dank, Anerkennung und Zuneigung. Darüber sollten wir uns freuen und es dem Betroffenen nicht verweigern.

Sie werden nicht von heute auf morgen ihre Arbeit und Ihren Wohnbereich revolutionieren. Doch sicher können Sie Ihre Dienste angenehmer gestalten, wenn Sie diese Interaktionen im Hinterkopf haben. Vielleicht, und das könnte ein Grund sein, weshalb es in Ihrer Schicht gut läuft, setzen Sie ganz intuitiv viele Aspekte bereits um. Schließlich handelt es sich bei den Interaktionen um ganz normales menschliches Verhalten, verpackt in ein Pflegemodell.