Tom Kitwood – die 12 personenzentrierten Ansätze einfach erklärt

12 personenzentrierte Ansätze nach Tom Kitwood

Kennen Sie das auch aus dem Pflegealltag? Sie betreuen über Monate denselben Wohnbereich mit mehreren an Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohnern und haben, wie man so schön sagt, alles im Griff. Die Dienste sind anstrengend, verlaufen aber ruhig, und Sie schaffen Ihre Aufgaben wie geplant. Ihre Kollegin aus der Gegenschicht berichtet dagegen von Unruhe, Widerstand und Diensten, die sich anfühlen wie der reinste Ausnahmezustand. Woran liegt es, dass die eine Pflegekraft offenbar intuitiv besser mit Menschen mit Demenz zurechtkommt als die andere?

Eine Antwort liefert der personenzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood, einem britischen Psychogerontologen, der maßgeblich an der Entwicklung des Dementia Care Mapping beteiligt war. Ein zentraler Baustein seines Demenzkonzepts sind die sogenannten 12 personenzentrierten Ansätze – manchmal auch als 12 positive Interaktionen bezeichnet. Sie beschreiben, wie Begegnung mit Menschen mit Demenz gelingen kann, ohne dass es dafür Spezialwissen oder aufwendige Schulungen braucht. In diesem Beitrag erklären wir Ihnen das Kitwood-Modell einfach und zeigen, wie Sie es konkret im Pflegealltag anwenden können.

Wer war Tom Kitwood und was steckt hinter dem personenzentrierten Ansatz?

Tom Kitwood war britischer Psychologe und Pionier der Demenzforschung. In den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelte er an der Universität Bradford gemeinsam mit seinem Team einen Ansatz, der bis heute als personenzentrierter Ansatz nach Tom Kitwood bekannt ist. Sein Grundgedanke: Jeder Mensch mit Demenz bleibt eine einzigartige Person mit eigener Wahrnehmung, eigener Geschichte und eigenen Bedürfnissen – auch wenn sich Erinnerung und Orientierung verändern.

Aus dieser Haltung heraus entwickelte Kitwood unter anderem das Dementia Care Mapping, eine Beobachtungsmethode zur Erfassung des Wohlbefindens von Menschen mit Demenz im Pflegealltag. Sein Pflegemodell wird in der Fachliteratur häufig schlicht als Kitwood-Modell oder Kitwood-Konzept bezeichnet und gilt heute als eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Demenzpflege. Auch der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung bei Menschen mit Demenz nimmt ausdrücklich Bezug auf seine Arbeit.

Ein Teil dieses Demenzkonzepts nach Tom Kitwood sind die 12 personenzentrierten Ansätze, die im nächsten Abschnitt im Detail vorgestellt werden. Sie lassen sich nicht von heute auf morgen „lernen“ wie eine Pflegetechnik, sondern beschreiben vielmehr eine Grundhaltung, die sich mit etwas Übung in jeden Dienst integrieren lässt.

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Die 12 personenzentrierten Ansätze nach Tom Kitwood im Überblick

Im Rahmen seiner Forschung beschrieb Tom Kitwood zwölf Aktivitäten, mit denen Pflegekräfte und Angehörige eine wertschätzende Beziehung zu Menschen mit Demenz aufbauen können. Diese 12 Aktivitäten nach Tom Kitwood sind nicht als starre Checkliste gedacht, sondern als Anregung für den Alltag. Häufig setzen erfahrene Pflegekräfte viele dieser Punkte bereits ganz intuitiv um, ohne sie als solche zu benennen.

1. Erkennen und Anerkennen
Der Mensch mit Demenz wird als einzigartige Persönlichkeit wahrgenommen – mit seiner eigenen Realität und Wahrnehmung. Ein freundlicher Blickkontakt, eine persönliche Begrüßung mit Namen oder einfach aktives Zuhören signalisieren: Ich sehe Sie als Person.

2. Verhandeln und Aushandeln
Solange ein Mensch mit Demenz seinen Willen ausdrücken kann, wird dieser respektiert. Ob jemand jetzt aufstehen oder lieber noch liegen bleiben möchte, wird gemeinsam besprochen – auch wenn das Ergebnis am nächsten Tag wieder neu ausgehandelt werden muss.

3. Zusammenarbeit
Statt Maßnahmen „an“ einem Bewohner durchzuführen, wird „mit“ ihm gearbeitet. Vorhandene Fähigkeiten werden genutzt und gefördert, anstatt eine vermeidbare Hilflosigkeit zu erzeugen.

4. Zwecklosigkeit und Spiel
Pflegekräfte wollen im Alltag meist etwas vom Bewohner – waschen, anreichen, begleiten. Es tut gut, sich auch einmal ohne konkretes Ziel zu einem Menschen mit Demenz zu setzen, gemeinsam zu reden, ein Spiel zu spielen oder einfach Zeit zu teilen.

5. Basale Stimulation und Timalation
Der Begriff Timalation stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „ich ehre dich“. Gemeint ist die Kommunikation über sensorische Reize wie Berührung, Düfte oder Musik – besonders wertvoll, wenn verbale Verständigung schwerfällt, aber auch in früheren Stadien einer Demenz eine bereichernde Erfahrung.

6. Feste feiern
Gemeinsame Feiern in entspannter Atmosphäre stärken das Gemeinschaftsgefühl und bauen Anspannung ab – ob im kleinen Kreis oder bei größeren Festen im Wohnbereich.

7. Entspannen
Auch Menschen mit Demenz brauchen Rückzugszeit. Wer sich auf sein Zimmer zurückzieht, muss das nicht zwingend können, sondern darf das auch einfach dürfen – Aktivierung ist wichtig, sollte aber nicht zur Überforderung werden.

8. Validation
Wir versetzen uns in die Erlebniswelt des Menschen mit Demenz hinein und akzeptieren seine subjektive Wirklichkeit. Seine Gefühle werden ernst genommen, statt korrigiert oder kleingeredet zu werden.

9. Halten
Körperliche Nähe – ein gehaltener Arm, eine Umarmung bei Bedarf – vermittelt Sicherheit. Entscheidend ist auch hier, einfühlsam wahrzunehmen, was der Mensch in diesem Moment tatsächlich braucht.

10. Erleichtern
Etwas nicht mehr selbstständig tun zu können bedeutet einen spürbaren Verlust an Lebensqualität. Pflegekräfte unterstützen so, dass der Bewohner das Gefühl behält, die Handlung selbst vollbracht zu haben.

11. Interaktion durch Symbole
Wiederkehrende Rituale und ein gleichbleibender Tagesablauf geben Menschen mit fortgeschrittener Demenz Sicherheit. Das funktioniert nur, wenn das gesamte Team an einem Strang zieht und ähnlich kommuniziert.

12. Geben
Menschen mit Demenz möchten sich häufig revanchieren – mit einem Lächeln, einer Süßigkeit oder einem kleinen Geschenk. Dieses Geben anzunehmen, statt es abzulehnen, ist ein Zeichen von Anerkennung und Wertschätzung.

Schon dieser Überblick zeigt: Bei den 12 positiven Interaktionen nach Kitwood handelt es sich um ganz normales menschliches Verhalten, das im stressigen Pflegealltag manchmal einfach untergeht. Wer sich diese Punkte bewusst macht, schafft häufig mit kleinen Veränderungen eine spürbar entspanntere Atmosphäre im Wohnbereich.

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Die Kitwood-Blume: sechs psychologische Bedürfnisse von Menschen mit Demenz

Neben den 12 Aktivitäten ist die sogenannte Kitwood-Blume ein zweites zentrales Bild seines Demenzkonzepts. Sie veranschaulicht, wovon das Wohlbefinden eines Menschen mit Demenz im Kern abhängt. Im Zentrum der Blume steht das Bedürfnis nach Liebe – die übrigen fünf Blütenblätter ordnen sich darum an und bedingen sich gegenseitig:

Trost – das Bedürfnis nach Geborgenheit, Wärme und dem Gefühl, nicht allein zu sein, besonders in Momenten von Angst oder Verlust.
Bindung – die Sehnsucht nach verlässlichen Beziehungen und vertrauten Menschen, die Sicherheit geben.
Einbeziehung – das Bedürfnis, dazuzugehören und Teil einer Gemeinschaft zu sein, statt isoliert zu werden.
Beschäftigung – der Wunsch, sinnvoll aktiv zu sein und am Leben teilzuhaben, entsprechend den eigenen Möglichkeiten.
Identität – das Bedürfnis, als die Person erkannt und behandelt zu werden, die man die ganze Biografie über war und ist.

Die Kitwood-Blume macht deutlich: Werden diese Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt, äußert sich das häufig in Unruhe, Rückzug oder herausforderndem Verhalten. Pflegekräfte, die sich an der Kitwood-Blume orientieren, prüfen bei schwierigen Situationen oft ganz automatisch, welches dieser Bedürfnisse gerade unerfüllt sein könnte – und finden so leichter einen Zugang.

So gelingt der personenzentrierte Ansatz im Pflegealltag

In der Theorie klingt der personenzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood naheliegend, im hektischen Schichtalltag gerät er aber schnell in den Hintergrund. Ein paar praktische Anhaltspunkte helfen dabei, ihn dauerhaft zu verankern:

Nehmen Sie sich bewusst kleine Momente ohne Aufgabe – ein paar Minuten gemeinsames Dasein wirken oft mehr als ein perfekt abgearbeiteter Dienstplan. Beobachten Sie genau, wie eine Person auf bestimmte Situationen reagiert, und besprechen Sie diese Beobachtungen im Team, damit alle Kolleginnen und Kollegen ähnlich vorgehen. Geben Sie Wahlmöglichkeiten, wo immer es geht, statt einen festen Ablauf durchzusetzen. Und nehmen Sie kleine Gesten der Dankbarkeit von Bewohnerinnen und Bewohnern an, anstatt sie aus falscher Höflichkeit abzulehnen.

Viele Pflegefachkräfte berichten, dass sich durch diese Grundhaltung nicht nur das Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner entspannt, sondern auch der eigene Dienst ruhiger und erfüllender wird. Der personenzentrierte Ansatz ist damit nicht nur ein Konzept für die fachliche Praxis, sondern auch ein Stück Selbstfürsorge im oft fordernden Pflegealltag.

Wer sich vertieft mit verwandten Methoden auseinandersetzen möchte, findet beispielsweise in unserem Beitrag zur Integrativen Validation einen weiteren Ansatz für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz. Wie eng Empathie und professionelle Pflege zusammenhängen, lesen Sie in unserem Artikel über Empathie in der Pflege. Und wer sich für den Bereich Demenz langfristig weiterqualifizieren möchte, findet Hintergründe in unserem Beitrag zur Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft.



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Häufige Fragen zum personenzentrierten Ansatz nach Tom Kitwood

Was bedeutet der personenzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood einfach erklärt?

Der Ansatz besagt, dass jeder Mensch mit Demenz trotz Erkrankung eine einzigartige Person mit eigener Wahrnehmung bleibt. Pflege orientiert sich deshalb an den individuellen Bedürfnissen statt an einem starren Schema – ausgedrückt unter anderem durch die 12 personenzentrierten Ansätze.

Was ist Timalation in der Pflege?

Timalation bezeichnet die Kommunikation über sensorische Reize wie Berührung, Düfte, Musik oder Geschmack. Sie ist besonders hilfreich, wenn verbale Verständigung erschwert ist, da sie Wertschätzung auch ohne Worte vermitteln kann.

Wofür steht die Kitwood-Blume?

Die Kitwood-Blume veranschaulicht fünf psychologische Bedürfnisse – Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität –, die sich alle um das zentrale Bedürfnis nach Liebe gruppieren. Sie hilft, herausforderndes Verhalten besser zu verstehen.

Warum ist das Kitwood-Modell auch heute noch relevant?

Obwohl Tom Kitwood seinen Ansatz bereits in den 1990er-Jahren entwickelte, bildet er bis heute die Grundlage vieler Expertenstandards und Pflegekonzepte in der Demenzbegleitung, da er einfach umsetzbar ist und sich an der Lebensqualität der betroffenen Menschen orientiert.