Der neue Koalitionsvertrag – was bedeutet er für die Pflege?

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Der Begriff GroKo ist ja derzeit in „aller Munde“. Das gilt auch und insbesondere für Pflegekräfte aller Fachrichtungen. Verwundert reibt man sich die Augen, wenn Vertreter der sogenannten großen Parteien vor die Kameras treten und voller Stolz ihren Plan für die Pflege verkünden. Von 8000 neuen Fachkraftstellen ist da die Rede. Das hört sich prima an; vor allem für den, der von Pflege keine Ahnung hat.

Mathe-Nachhilfe für Politiker – oder, wie lange lassen wir uns noch veräppeln?

Schaut man sich den neuen Koalitionsvertrag einmal an, so finden sich für den Bereich Pflege folgende Maßnahmen:

  • Verbesserung der Pflege und der häuslichen Versorgung
  • Ausbauen der Unterstützung für pflegende Angehörige
  • Arbeitsbedingungen von Fachkräften und Betreuern in der Pflege so attraktiv machen, dass ausreichend Menschen den Pflegeberuf ergreifen, beibehalten und damit die Versorgung sicherstellen

Im genauen Wortlaut heißt es hier:

„Wir werden die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in der Alten- und Krankenpflege sofort und spürbar verbessern. Es werden Sofortmaßnahmen für eine bessere Personalausstattung in der Altenpflege und im Krankenhausbereich ergriffen und dafür zusätzliche Stellen zielgerichtet gefördert. In der Altenpflege sollen die Sachleistungen kontinuierlich an die Personalentwicklung angepasst werden.

In einem Sofortprogramm werden wir 8000 neue Fachkraftstellen im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege in Pflegeeinrichtungen schaffen. Der dafür erforderliche finanzielle Mehraufwand soll durch eine Vollfinanzierung aus Mitteln der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfolgen. Dem Sofortprogramm werden weitere Schritte folgen.“

Da kann es doch Sinn machen, sich mal der in der Grundschule erworbenen Grundrechenarten bewusst zu werden.

Pflegeheime in Deutschland (Stand 2015)    13.596
Ambulante Pflegedienste in Deutschland (Stand 2015)  +13.323
Gesamt = 26.919

Insgesamt gab es also im Jahr 2015 in Deutschland 26.919 Einrichtungen der ambulanten und stationären Pflege.

Nun verteilen wir einmal die 8000 neuen Fachkraftstellen auf die Einrichtungen. Erneut bemühen wir eine der Grundrechenarten für unsere Berechnung.

8000 : 26919 = 0,2971

Das bedeutet also, dass sich jede Pflegeeinrichtung in Deutschland über 0,2971 neue Kollegen freuen kann. Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 39 Stunden in der Woche, macht das 11,5 Stunden pro Woche. Da bleibt die Frage offen, wie die Personalabteilungen in den nächsten Wochen mit dem erhöhten Arbeitsaufwand umgehen sollen.

Doch wir wollen ja keine „Schwarz-(rot)-maler“ sein und alles schlecht reden. Immerhin haben sich die führenden Köpfe unseres Landes ganze Nächte um die Ohren geschlagen, um ein solches Ergebnis zu Stande zu bringen.

Betrachten wir also die Sache mal aus einem anderen Blickwinkel.

Im September 2016 hat die Bundesagentur für Arbeit, hier, die Abteilung Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung, eine Statistik mit dem Titel „Arbeitsmarkt Altenpflege – Aktuelle Entwicklungen“ veröffentlicht.

Demnach waren, im gleitenden Jahresdurchschnitt von August 2015 bis Juli 2016, 3600 Altenpflegefachkräfte arbeitslos gemeldet.

Das bedeutet also:

Anzahl neuer Fachkräfte lt. Koalitionsvertrag   8000
Anzahl arbeitsloser Altenpflegefachkräfte – 3600
Rest = 4400

Liest man sich die besagte Statistik der Bundesagentur für Arbeit einmal genauer durch, so fällt einem ins Auge, dass, für den gleichen Zeitraum, ca. 12.300 freie Stellen verzeichnet wurden.

Das wirft unsere bisherige Berechnung nun vollkommen über den Haufen.

Es gibt also 12.300 nicht besetzte Stellen in deutschen Pflegeeinrichtungen. Diese Stellen sind durch die Pflegeversicherung genehmigt und mit den Kostenträgern verhandelt worden.

Jetzt kommen 8000 neu genehmigte Fachkraftstellen hinzu.

Ergo:

Gemeldete freie Stellen    12.300
Geschenk des Koalitionsvertrags +   8.000
= 20.300
Abzüglich arbeitslos gemeldeter Altenpflegefachkräfte –    4.400
Zu besetzende Stellen = 15.900

Was wir also tun können

Wenn Sie sich ernsthaft darauf verlassen, dass sich die Politik unserer Probleme annimmt, dann sind Sie bereits verlassen. Bleibt nur, selbst aktiv zu werden, um die Situation in den Einrichtungen zumindest ansatzweise zu verbessern.

Ausbilden

Machen Sie sich auf die Suche nach Auszubildenden. Beginnen Sie damit noch heute und beginnen Sie Ihre Suche in den eigenen Reihen. In jeder Einrichtung gibt es gute Hilfskräfte, die bisher keine Ausbildung absolviert haben. Hier gehen Sie quasi kein Risiko ein, denn Sie kennen den zukünftigen Auszubildenden schon und dieser hat bereits Erfahrungen in Ihrer Einrichtung gesammelt. Die Ausbildung sollte in der Regel ein „Klacks“ sein. Überlegen Sie, wie Sie einen möglichen finanziellen Nachteil für den Auszubildenden kompensieren können, um ihm die Ausbildung auch zusätzlich schmackhaft machen zu können.

Haben Sie das eigene Potenzial ausgeschöpft, gehen Sie an die Schulen. Starten oder beteiligen Sie sich an Projekten und suchen sie aussichtsreiche Kooperationen. Bieten Sie Praktika an und machen Sie offensiv Werbung für sich. Stellen Sie den Job Altenpflege in einem positiven Licht dar. Vergessen Sie auch nicht, dass Ihre Azubis für Sie durch Mund-zu-Mund-Propaganda gute Werbung machen können und sollten Sie auf der Suche nach einer neuen Stelle sein, finden Sie hier unsere Stellenangebote aus der Altenpflege.

Protest starten

Protest kann sich auf vielfältige Weise zeigen. Sie können Transparente basteln, nach Berlin fahren und sich vor dem Reichstag auf den Boden legen. Vielleicht schaffen Sie es für 10 Sekunden in die 20 Uhr Nachrichten. Vielleicht aber auch nicht.

Protest können Sie auch zeigen, indem Sie immer wieder auf Ihre Situation aufmerksam machen. Ihre Bewohner/Kunden/Klienten/Patienten sind es gewohnt, dass Sie oft auch Leistungen erbringen, für die Sie nicht vergütet werden. Eine kleine Gefälligkeit hier, eine Ausnahme da und ab und zu mal ein Auge zudrücken. Das kennen wir alle und wir machen es eigentlich auch gern. Und allzu oft wird aus einer kleinen Ausnahme eine Selbstverständlichkeit.

Zugegeben, es kostet auch Überwindung, solche „Zusatzdienste“ zu streichen, immerhin stellen sie einen „downgrade“ dar, und diese sind äußerst unbeliebt. Aber sie sind auch eine Möglichkeit, Ihre Situation darzustellen und auf schlechte Rahmenbedingungen, seitens der Politik aufmerksam zu machen. Informieren Sie die betroffenen Personen darüber und erklären Sie, dass Sie zum Wohle Ihrer Kunden, die ein oder andere Leistung nicht mehr erbringen können. Wer arbeitet heute schon umsonst? Und wer in der Pflege kann sich das leisten?

Ehrenamt

Viele Einrichtungen haben gute Erfahrungen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gemacht. Sei es in Form von Büchereiangeboten oder in der Übernahme der innerhäuslichen Cafeteria an Nachmittagen. Viele Angebote funktionieren nur deshalb und ließen sich ohne Ehrenamtliche gar nicht mehr umsetzen. Gerade kritischen Personen, Angehörigen, die immer wieder ihren knappen Personalschlüssel beklagen, sollten Sie eine ehrenamtliche Tätigkeit vorschlagen.

Wir wagen ein Fazit zum neuen Koalitionsvertrag

Auch wenn der neue Koalitionsvertrag einige „Sofort“-Maßnahmen vorsieht, werden noch einige Tage ins Land ziehen, ehe wir eine spürbare Verbesserung in den Pflegeberufen wahrnehmen werden. Das bedeutet, das Eigenkreativität gefordert ist. Machen Sie auf sich und Ihre Situation aufmerksam, in Ihrer Einrichtung, Ihrer Straße, Ihrer Gemeinde und schöpfen Sie mögliche Potenziale in Ihrer Umgebung ab.

Versuchen Sie Kooperationen aufzubauen. Sei es zu pflegefremden Branchen, oder zu anderen Einrichtungen der ambulanten und stationären Pflege. Beteiligen Sie sich so gut es geht an Netzwerken und bündeln sie Kompetenzen, da wo es möglich ist. Am Ende geht es nicht um persönliche Interessen, sondern darum, Hilfe zu leisten, wo die Menschen sie benötigen.

Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben, aber Innovation in der Pflege ist auch von der neuen Bundesregierung nicht zu erwarten. Falls Sie Hilfe brauchen, unterstützen wir Sie gerne mit unserer Personalvermittlung Pflege.


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