Gewalt in der Pflege – was ist das und wie gehen Sie damit um?

Gerade im Bereich der professionellen Pflege ist das Thema „Gewalt“ noch häufig ein großes Tabu. Und das, obwohl wir uns doch alle auf die Fahne schreiben, unseren Dienst zum „Wohle des alten Menschen“ zu verrichten. Dabei ist, nach einem WHO-Bericht von 2011 („European Report on preventing elder maltreatment 2011) Gewalt gegenüber alten und hilfebedürftigen Menschen nahezu alltäglich. Der Bericht legt u.a. dar, dass jährlich ca. vier Millionen ältere Menschen (in Europa) Misshandlungen erleiden. Angesichts der Tatsache, dass wir ständig auf Politik, Pflegekassen, Kostenträger etc. schimpfen, grenzt es schon fast an Hohn, dass wir zum Teil die Missstände hinter unseren eigenen Türen nicht erkennen (wollen).

gewalt in der altenpflege

„Sowas gibt es bei uns nicht.“ – So denken viele Heim- und Pflegedienstleiter, aber auch Pflegekräfte. Eine natürliche Reaktion auf ein sehr sensibles und unangenehmes Thema.

Aber: Können Sie das für Ihre Einrichtung, Ihre Mitarbeiter und vielleicht auch für sich selbst 100%ig garantieren?

Doch nicht nur in stationären Einrichtungen sollte „Gewalt“ ein Thema sein. Gerade auch da, wo Menschen zu Hause gepflegt werden, besteht ein großes Gewaltpotenzial – hier sollten vor allem die Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste in der Lage sein, Gewalt, z.B. durch pflegende Angehörige, zu erkennen

Wir möchten an dieser Stelle nicht verurteilen. Wir möchten auch nicht heilig sprechen und die Lösung auf einem Silbertablett anbieten. Wir möchten Sie, egal, ob sie nun direkt, oder indirekt mit pflegebedürftigen Menschen arbeiten, ob Sie Führungs- oder Hilfskraft sind, für das Thema sensibilisieren. Alles ist besser als zu schweigen.

Gewalt in der Pflege – Was ist das?

Um sich der Frage zu nähern, sollte man von einer anerkannten Definition des Begriffs „Gewalt“ ausgehen. Die WHO bietet eine solche Definition:

„Gewalt ist der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“

Ergänzend bietet die WHO eine Definition für „Gewalt gegenüber älteren Menschen“:

„Unter Gewalt gegen ältere Menschen versteht man eine einmalige oder wiederholte Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion im Rahmen einer Vertrauensbeziehung, wodurch einer älteren Person Schaden oder Leid zugefügt wird.“

Bedenkt man die Abhängigkeit eines älteren und hilfebedürftigen Menschen von anderen Personen, versteht sich, weshalb auch das „Unterlassen“ eine Form der Gewalt sein kann.

Im Folgenden sollen einige Beispiele zeigen, in welchen Formen Gewalt im Bereich Pflege auftreten kann:

Gewalt in der Pflege Beispiele

Nun klingt die Formulierung „Gewalt in der Pflege“ ziemlich paradox. Geht es doch, gerade in der professionellen „Pflege“ darum, sich und sein Handwerk in den Dienst des Menschen zu stellen. Im häuslichen, familiären Bereich dagegen führen meist Notsituationen dazu, dass ein Familienmitglied in die Rolle der Pflegeperson gedrängt wird. Hier sind, laut einer Interviewstudie mit pflegenden Angehörigen von 2010, bestimmte Faktoren wirksam, die eine Gewaltsituation begünstigen können:

  • Die Beziehung zwischen pflegebedürftiger Person und dem pflegenden Angehörigen war vor Übernahme der Pflege schlecht
  • Die Beziehung war vorher stark hierarchisch geprägt
  • Der pflegende Angehörige war oder ist in schlechter physischer und psychischer Verfassung
  • Mehrfachbelastung des pflegenden Angehörigen (Familie, Beruf etc.)
  • Der pflegende Angehörige neigt zu Substanzmissbrauch (Drogen, Alkohol, Medikamente)
  • Ungünstige wirtschaftliche Situation
  • Mangelndes Wissen des pflegenden Angehörigen über Krankheit, Symptome des zu Pflegenden

Fragt man nach den tatsächlichen Ursachen für, so muss man zwischen der Laienpflege, wie sie in der Regel von Angehörigen durchgeführt wird, und der professionell ausgeübten Pflege differenzieren.

Gründe für die Gewalt in der Pflege