
Der Krankenstand in der Pflege ist seit Jahren einer der höchsten aller Berufsgruppen. Während Beschäftigte branchenübergreifend durchschnittlich rund 18 Tage im Jahr fehlen, lag der Wert für Pflegekräfte laut einer aktuellen Auswertung der Techniker Krankenkasse zuletzt bei 28,5 Tagen – Altenpflegekräfte sogar bei über 33 Tagen. Das entspricht fast einem Monat pro Person und Jahr.
Für Pflegeeinrichtungen hat das konkrete Folgen: Schichten müssen umbesetzt werden, verbleibende Mitarbeitende werden stärker belastet – und das erhöht wiederum das Risiko weiterer Ausfälle. Ein Kreislauf, der sich ohne gezielte Gegenmaßnahmen selbst verstärkt.
Dieser Beitrag zeigt, welche Ursachen hinter den hohen Fehlzeiten stecken und welche Maßnahmen in der Praxis tatsächlich wirken.
Warum Pflegekräfte überdurchschnittlich oft erkranken
Die Gründe für den hohen Krankenstand sind gut dokumentiert. Sie lassen sich in drei Hauptbereiche aufteilen:
Körperliche Belastung: Heben, Lagern, langes Stehen – die physische Beanspruchung in der Pflege ist dauerhaft hoch. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems gehören zu den häufigsten Diagnosen bei krankgeschriebenen Pflegekräften. Allein durch Rückenerkrankungen gehen im Schnitt mehrere Arbeitstage pro Person und Jahr verloren.
Psychische Belastung: Emotionaler Dauerstress, Konflikte mit Angehörigen, Personalmangel im eigenen Team – psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Diagnosegruppe bei Fehlzeiten in der Pflege. Laut TK-Auswertung entfielen zuletzt rund 7 Fehltage pro Person und Jahr allein auf psychische Ursachen.
Organisatorische Belastung: Kurzfristige Dienstplanänderungen, Überstunden, mangelnde Einflussnahme auf den eigenen Arbeitsrhythmus – strukturelle Schwächen in der Arbeitsorganisation verstärken die Erschöpfung und senken die Bindung an den Arbeitgeber. Wer das Gefühl hat, keinen Einfluss auf seine Arbeitsbedingungen zu haben, meldet sich häufiger krank.
Maßnahmen, die Fehlzeiten in der Pflege nachweislich senken
Es gibt kein einzelnes Instrument, das den Krankenstand einer Einrichtung auf einen Schlag verbessert. Wirksam ist eine Kombination aus mehreren Ansätzen, die konsequent und dauerhaft umgesetzt werden.
1. Rückengerechtes Arbeiten systematisch fördern
Ergonomische Hilfsmittel – Hebebühnen, Gleittücher, höhenverstellbare Pflegebetten – sind investitionsintensiv, amortisieren sich aber schnell, wenn dadurch krankheitsbedingte Ausfälle sinken. Wichtig ist die regelmäßige Schulung des gesamten Teams, nicht nur eine einmalige Einweisung. Mitarbeitende, die ergonomische Techniken konsequent anwenden, haben nachweislich weniger Fehlzeiten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen.
2. Psychische Belastungen ernst nehmen und sichtbar machen
Viele Einrichtungen unterschätzen nach wie vor die Bedeutung psychischer Gesundheit. Regelmäßige Mitarbeitergespräche, die konkret nach Belastungsgrenzen fragen, sind kein Luxus – sie sind ein Frühwarnsystem. Wer merkt, dass sein Erschöpfungszustand wahrgenommen wird, hält länger durch, bevor es zu einem Ausfall kommt.
Supervisionsangebote oder interne Fallbesprechungen können helfen, emotionale Belastungen aus dem Pflegealltag zu verarbeiten, ohne dass sie sich dauerhaft aufstauen. Auch kollegiale Beratung zwischen Schichten kostet wenig und hat messbare Wirkung auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden.
Mehr zu den Hintergründen erklärt der Beitrag über Zeitdruck und Stress im Pflegealltag.
3. Dienstplanung stabiler und mitarbeiterorientierter gestalten
Unplanbare Schichtfolgen gehören zu den meistgenannten Stressfaktoren in der Pflege. Einrichtungen, die Dienstpläne frühzeitig veröffentlichen und Wünsche der Mitarbeitenden systematisch berücksichtigen, berichten von niedrigeren Krankenständen. Das liegt nicht allein an der besseren Vorhersagbarkeit – es liegt am Signal, das dahintersteckt: Ihr werdet gehört.
Gleichzeitig sollte Überstundenabbau aktiv gesteuert werden. Chronisch zu viele Überstunden sind ein zuverlässiger Prädiktor für bevorstehende Langzeitkrankschreibungen.
4. Betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen
Ein strukturiertes Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist kein bürokratisches Projekt – es ist ein systematischer Ansatz, um Fehlzeiten dauerhaft zu senken. Dazu gehören regelmäßige Gesundheitsgespräche, anonyme Mitarbeiterbefragungen zur Arbeitszufriedenheit und ein transparentes Rückkehrgespräch nach längeren Krankenständen.
Rückkehrgespräche werden oft als unangenehm empfunden, wirken aber in der Praxis präventiv: Sie zeigen Mitarbeitenden, dass ihre Abwesenheit wahrgenommen wurde, und helfen frühzeitig, wiederkehrende Belastungsquellen zu identifizieren.
5. Anerkennungskultur aktiv leben
Pflegekräfte berichten immer wieder, dass fehlende Wertschätzung einer der zentralen Gründe für Erschöpfung und innere Kündigung ist. Das heißt nicht, dass jede Einrichtung teure Incentive-Programme braucht. Es geht oft um deutlich Einfacheres: eine direkte Rückmeldung nach einem schwierigen Dienst, Transparenz über Entscheidungen, die das Team betreffen, und das ehrliche Gespräch auf Augenhöhe.
Einrichtungen, die aktiv an ihrer Anerkennungskultur arbeiten, profitieren durch geringere Fluktuation – und niedrigere Fluktuation bedeutet weniger Einarbeitungsaufwand, mehr Kontinuität im Team und in der Folge auch weniger Fehlzeiten. Der Zusammenhang zwischen Bindung und Krankenstand ist in der Forschung gut belegt.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt der Beitrag über Pflegeeinrichtungen als attraktive Arbeitgeber.
6. Personalengpässe als Ursache ernst nehmen
Einer der wirksamsten, aber oft ignorierten Hebel: ausreichend Personal. Dauerhafter Unterbesetzung führt zwangsläufig zu Mehrbelastung der vorhandenen Mitarbeitenden – und erhöht damit direkt das Ausfallrisiko. Einrichtungen, die eine stabile Fachkraftbasis haben, melden nachweislich niedrigere Krankenquoten.
Das bedeutet nicht, dass sich das Problem des Fachkräftemangels einfach wegorganisieren lässt. Aber es bedeutet, dass gezieltes Recruiting eine Investition in die Gesundheit des bestehenden Teams ist – nicht nur eine Reaktion auf offene Stellen.
Welche Wege es gibt, qualifiziertes Personal zu finden, beschreibt der Beitrag über Strategien zur langfristigen Mitarbeiterbindung in der Pflege.
Was kurzfristig hilft und was nicht
Viele Einrichtungen greifen bei hohem Krankenstand auf kurzfristige Lösungen zurück: externe Kräfte einspringen lassen, Überstunden verteilen, Dienstpläne umstrukturieren. Das löst den akuten Engpass – adressiert aber nicht die Ursache.
Wirklich nachhaltig sinken Fehlzeiten nur dann, wenn die physische und psychische Belastung strukturell reduziert wird. Das braucht Zeit, Konsequenz und oft auch Investitionen. Einrichtungen, die das angehen, sehen die Effekte jedoch nicht selten bereits nach wenigen Monaten: stabilere Teams, weniger Spontanausfälle, geringere Kosten für externe Abdeckung.
Fehlzeiten und Fluktuation hängen zusammen
Hohe Krankenquoten und hohe Fluktuation sind selten unabhängig voneinander. Einrichtungen mit anhaltend hohem Krankenstand haben häufig auch eine erhöhte Personalfluktuation – weil dieselben Belastungen, die Mitarbeitende krank machen, letztlich auch dazu führen, dass sie den Arbeitgeber wechseln.
Wer Fehlzeiten dauerhaft reduzieren will, muss deshalb beide Themen zusammen denken: Gesundheit und Bindung. Eine Einrichtung, in der Mitarbeitende gerne arbeiten, hat weniger Ausfälle. Das ist kein romantisches Prinzip, sondern empirisch gut belegte Managementrealität.
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Mehr Personal bedeutet weniger Belastung für das bestehende Team.
Häufige Fragen zu Fehlzeiten in der Pflege
Welche Berufsgruppe hat den höchsten Krankenstand in Deutschland?
Pflegekräfte gehören zu den Berufsgruppen mit den höchsten krankheitsbedingten Fehlzeiten überhaupt. Laut Auswertungen der Techniker Krankenkasse fehlten Pflegekräfte zuletzt fast doppelt so viele Tage wie der Durchschnitt aller Beschäftigten. Altenpflegekräfte weisen dabei die höchsten Werte auf.
Was sind die häufigsten Ursachen für Krankmeldungen in der Pflege?
Die drei häufigsten Diagnosegruppen sind psychische Erkrankungen, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sowie Atemwegserkrankungen. Psychische Diagnosen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen und stehen inzwischen an erster Stelle.
Was können Pflegeeinrichtungen konkret gegen hohe Fehlzeiten tun?
Die wirksamsten Maßnahmen kombinieren ergonomische Arbeitsbedingungen, stabile Dienstplanung, psychische Entlastungsangebote, eine aktive Anerkennungskultur und ausreichend Personalbesetzung. Einzelmaßnahmen wirken, aber dauerhaft niedrige Krankenquoten entstehen nur durch einen strukturellen Ansatz.
Senkt mehr Personal die Fehlzeiten in Pflegeeinrichtungen?
Ja – eine ausreichende Fachkraftbasis reduziert die Dauerbelastung der vorhandenen Mitarbeitenden direkt. Chronische Unterbesetzung gilt als einer der stärksten Treiber von Erschöpfung und damit von Langzeitkrankschreibungen in Pflegeberufen.

